NEOS fordern verpflichtende Erdkabel für 110kV-Leitungen, Aussagen der ÖVP sorgen für Empörung

2019-11-26 20:09 von Schutzgemeinschaft

NEOS forderten am 13. November im Nationalrat verpflichtende Erdkabel für 110 KV-Leitungen. SPÖ und ÖVP warnen vor höheren Kosten. 

Hier ein Auszug aus dem APA Bericht :

Kostenaspekt sorgt für Diskussionsstoff

ÖVP-Abgeordnete Maria Theresia Niss wandte ein, bei Erdkabeln sei ein zuverlässiger Betrieb aufgrund der Gefahr von Netzausfällen nicht möglich, auch würde die Fehlerbehebung überdurchschnittlich lang dauern. Insgesamt verursache ein Erdkabel nicht zuletzt auch wegen seiner kürzeren Lebensdauer höhere Kosten als Freileitungen, die dann jedenfalls die Kunden zahlen müssten, warnte Niss. Der Wunsch nach Ästhetik dürfe nicht dazu führen, dass wir den Hausverstand über Bord werfen, brachte sie ihre Skepsis über den NEOS-Antrag auf den Punkt.


Da die hier getroffenen Aussagen von Frau Dr. Niss nicht der Realität entsprechen und der Verweis auf den "Hausverstand" in diesem Zusammenhang schon eher als Provokation aufgefasst werden kann hat die Schutzgemeinschaft mit nachfolgendem Brief die Sachlage klar dargelegt.




Sehr geehrte Frau Dr. Niss,

Sie haben am 14. Nov. 2019 im Parlament zum Antrag der Neos (NR Abg. DI Karin Doppelbauer) auf Verkabelung der neu zu errichtenden 110kV Leitungen Aussagen getätigt, die weder einer überprüfbaren Realität entspringen, noch einen Funken an Lösungskompetenz aufweisen.

Das Argument, es „ …sei ein zuverlässiger Betrieb auf Grund von Netzausfällen nicht möglich…“, ist aktuell in der Realität genau umgekehrt.
Wenn sie in letzter Zeit verfolgt haben, warum und wo es zu Stromausfällen gekommen ist, so sind diese insbesondere durch Wettereignisse entstanden. Deren Anzahl ist nachweisbar und deutlich im Steigen.
Nicht allein vor ein paar Tagen der erste Schnee im Süden Österreichs, oder jener im Jänner dieses Jahres, ebenso wie die vermehrten Stürme bringen auch 110 kV Leitungen zu Fall. Genau diese Ereignisse können bei einer Verkabelung nicht passieren. Es belegen auch alle Studien und Aufzeichnungen der Energieversorger, dass Erdkabel eine größere Versorgungssicherheit als Freileitungen aufweisen. Das ist seit Jahrzehnten bekannt und wird auch nicht von den Netzbetreibern und deren Lobby bestritten. Warum behaupten sie das Gegenteil?
In Kalifornien gibt es auch in der heurigen Trockenzeit (Klimawandel) noch nicht absehbare Brandschäden durch Funkenschlag bei Freileitungen. 2 Millionen Menschen musste der Strom abgedreht werden, weil sonst noch mehr Wald und Häuser zu brennen begonnen hätten. Das gäbe es nicht bei Verkabelung!

Es ist mir nicht klar, wie sie als Sprecherin der ÖVP für den Bereich Innovation so eine Aussage tätigen können. Damit wird realisierbare Innovation für betroffene Eigentümer und Anlieger verhindert, die eigentlich bereits Stand der Technik ist! Wie sonst hätte Sony ein 110 kV Erdkabel für seine Produktionsstätte in Thalgau bereits 2001 aus dem OÖ Grenzeraum gebaut – wenn ein zuverlässiger Betrieb nicht möglich ist? Wohl nicht! Die EAG hat sich mit diesem Erdkabel gerühmt, ebenso wie mit der Eröffnung der 110 kV Erdkabelverbindung von Jochenstein nach Ranna im vergangenen Jahr. Und im städtischen Bereich wird 110 kV ohnehin meistens verkabelt. Auch nicht deshalb, weil ein zuverlässiger Betrieb unmöglich ist! Daher frage ich mich, warum sie mit einer solchen Aussage im Parlament die Menschen am Land als minderwertig behandeln wollen?

Zur Kostenfrage möchte ich nur zu bedenken geben: Wer wird die Reparaturkosten an Freileitungen durch vermehrte Wetterkapriolen bezahlen? Das werden wohl auch die Kunden zahlen, so wie alle anderen Gebühren und Steuern, die schon heute mehr als die Hälfte des Strompreises ausmachen. Dazu haben dann die Kunden mehr Netzausfälle bei witterungsanfälligen 110 kV Freileitungen als bei 110 kV Erdkabeln. Die Entwicklung ist am 30 kV Netz ersichtlich. Die EAG (wie fast alle Netzbetreiber) hat das 30 kV Netz bereits zum Großteil verkabelt? Und auch nicht deshalb, weil es teurer ist als eine Freileitung – sondern notwendig, da sicherer und bereits billiger!

Aber aus ästhetischen Überlegungen heraus den Erdkabelbefürwortern den Hausverstand abzusprechen schlägt dem Fass den Boden aus. Das ist an Arroganz gegenüber jenen Menschen schwer zu überbieten, die sich so wie wir seit Jahrzehnten für eine Verkabelung einsetzen. Diese Menschen versuchen ihren Lebensraum ohne Beeinträchtigung und Wertminderung ihrer Liegenschaften zu erhalten. Somit sprechen sie dann auch den hunderten 110 kV Verkabelungen in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Dänemark u.s.w. den Hausverstand ab, die bereits verkabelt haben.

Wie kommen sie eigentlich zu solchen Aussagen? Mir ist auf Grund ihres Werdeganges schon klar, dass sie nicht die Bevölkerung und schon gar nicht die betroffenen Grundeigentümer und Anrainer vertreten. Dafür sind sie ja nicht im Parlament. Aber warum lassen sie sich von jemandem „beraten“, der Ihnen offensichtlich bewusst die Unwahrheit sagt? Es ist nicht schwierig, die tatsächlichen Fakten zu erkennen. Es ist für uns nur schwer jemandem etwas zu erklären, der dafür bezahlt wird etwas nicht zu verstehen!

Ich / wir sind gerne und jederzeit bereit, ihnen jede Aussage nachweisbar und ausführlich zu belegen. Wir erklären ihnen auch unsere konstruktiven Lösungen gerne. Wir haben zwar keine finanziellen Lobbyingressourcen wie Netzbetreiber, aber wir nehmen uns nach den tausenden bereits investierten Stunden auch für sie die Zeit, um ihnen zu erklären, warum eine verantwortungsvolle und zukunftsorientierte Politik die gesetzlichen Rahmenbedingen für die Anforderungen im Bereich 110 kV Erdkabel endlich umsetzen soll. Erdkabel sind für ALLE sinnvoller als Enteignungen.

100% der betroffenen Grundeigentümer hätten lieber eine Verkabelung als Freileitung bei uns im Innviertel, im Almtal und im Mühlviertel. Das sind die 3 aktuellen Projekte in OÖ. Vielleicht haben sie noch so viel Bezug zu ihrer früheren Heimat, dass ihnen klar wird, was das auch mit den noch folgenden Projekten im Masterplan allein für OÖ bedeutet. Lange Verfahren in einer beabsichtigten Energiewende, hohe Kosten, Vertragsverletzungsverfahren für die Republik, großflächige kollaterale „Politflurschäden“. Wofür? Für die ca. 1,3-fachen Kosten bei 110 kV Erdkabel gegenüber Freileitungen?
Die EAG hat heuer zweistellige Millionenbeträge als Sonderdividende an das Land OÖ und die anderen Aktionäre ausbezahlt. ZEITGLEICH wurden vom Land viele Bürger in OÖ enteignet.

Bei uns im Innviertel wurden 75% der betroffenen Grundeigentümer enteignet. Alle 100% haben mehrfach schriftlich eine Verkabelung auf ihren Liegenschaften angeboten. Grundlage dafür ist die Gesetzeslage (§7) aus dem Jahr 1939. Da ist es ein Hohn, wenn jemand von größtmöglicher Transparenz spricht. Denn die Gesetzeslage ist so, dass sowieso jene Projektform (z.B. Freileitung) von der Behörde genehmigt werden muss, die vom Netzbetreiber eingereicht wird. Wir erleben dies als „Vergewaltigung“ am eigenen Leib seit 2 Jahrzehnten. Das ist ungefähr die Hälfte ihrer Lebenszeit. Der „Folkloreakt“ der Behörden um ein Projekt kostet Zeit und Geld. Wie Unternehmer still und schweigend so einer sinnlosen Scheinhandlung zuschauen, versteh ich nicht, zumal Konsenslösungen am Tisch liegen.

Bei einer solchen Enteignung wurde zum Beispiel eine Biobäuerin, die Mutter von drei Kindern ist wie eine Verbrecherin behandelt. Sie wurde erst nach Leibesvisitation durch die Polizei in den Verhandlungssaal eingelassen. Während der mehrstündigen Verhandlung sind dann zu ihrer linken und rechten Seite ein Polizist gesessen. Was hat denn diese Mutter verbrochen? Nur weil sie nicht freiwillig ihren landwirtschaftlichen Grund für eine Freileitung zu Verfügung stellen will? Der so strapazierte Transparenzbegriff sollte sich eher auf den Umgang mit den betroffenen Menschen beziehen.
Eine „Schubladierung“ im Budgetausschuss wird wahrscheinlich so wenig bringen wie der Wirtschaftsausschuss im Landes ElWOG in OÖ (Land der Möglichkeiten) gebracht hat. Wir sind trotzdem noch immer und jederzeit zu Gesprächen sowie zur Mitarbeit von Lösungen für Verkabelung bereit. Sie müssen aber MIT den Menschen erfolgen und nicht mit Gesetzen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Tragen auch sie bitte konstruktiv dazu im Parlament bei.

Mit freundlichen Grüßen

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